"die Radeberger" Heimatzeitung - Archiv



Onlineausgabe vom 14. April 2011


Der lange Weg


Hört man Namen wie Königsallee oder Schlossstraße, dann denkt man in den meisten Fällen an wunderschöne Flaniermeilen, welche links und rechts von historischen Gebäuden flankiert werden und die zum Verweilen einladen. Auch Radeberg hat solch eine Schlossstraße, nur die Wörter verweilen und wunderschön passen im Moment nicht so recht dazu. Zumindest zu den Gebäuden Schlossstraße 11 bis 13. Dabei sind diese drei Häuser mit die ältesten von Rade-
berg und stellen durchaus eine historische Substanz dar. Ehemals war hier die Bau-Möbel-Tischlerei angestammt, doch seit Jahren verfällt das Areal zusehens. Wildwuchs, lose Dachzie-
gel und bröckelnder Putz sind derzeit kennzeichnend für das Firmengelände und die histori-
schen Gebäude. Für Touristen, welche vom Schloss kommend über die Schlossstraße auf den Markt wollen, ein nicht unbedingt schöner Anblick.

Der Schlussstein über einem der Eingänge in der Schlossstraße. Deutlich ist die in Stein gehauene Jahreszahl 1747 zu erkennen.

Dabei wäre dieser Anblick gar nicht nötig. Denn im Gegensatz zu ande-
ren leer stehenden Gebäuden und Brachen in Radeberg, gibt es hier einen willigen Investor und auch einen Nutzer. Glaubt man den Worten der Stadtväter auf einer Sitzung im letzten Jahr, dann sollte man solch einen Investor an die Hand nehmen und durch Radeberg führen. Bei genanntem Nutzer handelt es sich um das Sächsische Epilepsiezentrum Kleinwachau. Dieses plant, in den drei Gebäuden eine neue Außenstelle zu errichten. Insgesamt 21 Bewohner von Kleinwachau sollen in die neuen Wohnungen ziehen können und, so weit wie möglich, auf sich selbst gestellt wohnen und nach Bedarf unterstützt werden. Dass die Rahmenbedingungen in der Schlossstraße für ein behindertengerechtes Wohnen ideal sind, da ist sich der Geschäftsführer von Kleinwachau, Martin Wallmann, sicher und er-
klärt: „Mit der Nähe zum Zentrum, dem geplanten Markt der Generationen und den Anbindun-
gen im öffentlichen Nahverkehr sind die Voraussetzungen gegeben, um nicht nur Integration, sondern die soziale Inklusion zu Leben, das heißt, dass jeder Mensch in seiner Individualität, also auch ein Mensch mit Behinderungen, von der Gesellschaft akzeptiert wird und die Mög-
lichkeit hat, in vollem Umfang an ihr teilzunehmen.“


Umdenken in der Gesellschaft erforderlich


Ziele, welche sicherlich auch ein Um-
denken in der Gesellschaft erfordern. „Theoretisch betrachtet“, so Martin Wallmann, „besteht für Kleinwachau nicht der Zwang Außenstellen zu er-
öffnen, aber die gleichen Rechte, die ich für mich einfordere, also das Recht auf Selbstbestimmung und das Recht auf Freiheit, muss und will ich auch Menschen mit Behinderungen einräumen.“ Unter-
mauert wird diese Einstellung auch durch die Behindertenrechtskonvention der UNO. In dieser heißt es auszugsweise: „Die Betroffenen (Menschen mit Behinderungen) haben nicht die Auf-
gabe, ihre Bedürfnisse an angebliche gesellschaftliche Notwendigkeiten anzupassen, sondern die Gesellschaft hat die Aufgabe, sich auf die Bedürfnisse der Betroffenen einzustellen.“ Mit einer neuen Außenstelle von Kleinwachau in der Schlossstraße wären auf jeden Fall die Vo-
raussetzungen für eine solche Selbstbestimmung gegeben. Und nicht zu vergessen, auch für das Stadtbild von Radeberg würde dieses Vorhaben von Vorteil sein, denn die Fassaden sollen nach historischem Vorbild rekonstruiert werden und im rückwärtigen Bereich soll aus dem überwucherten Gelände ein Garten entstehen.
Mit dieser neuen Wohnanlage schreibt das Epilepsiezentrum eine lange Tradition fort, denn bereits 1988 wurde die erste Außenstelle für Menschen mit Behinderungen in der Dresdner Neustadt eröffnet und eigentlich würden Martin Wallmann bzw. das Epilepsiezentrum lieber heute als morgen in die Schlossstraße einziehen.


Technischer Ausschuss
Radeberg einstimmig
für neue Außenstelle


Befasst mit dem Anliegen des Investors, in der Schlossstraße eine Wohnanlage für Menschen mit Behinderungen zu errichten, hatten sich am Dienstag vergangener Woche auch die Räte des Technischen Ausschusses der Stadt Radeberg. Nach einer kurzen Vorstellung der möglichen Varianten durch Oberbürger-
meister Gerhard Lemm wurde ohne Gegenstimme dem Vorhaben durch den Technischen Aus-
schuss zugestimmt. „Es besteht ein hohes städtebauliches Interesse“, so OB Lemm, „dass das Areal Schlossstraße wieder belebt wird.“ Weiterhin war den Worten des Oberbürgermeis-
ters zu entnehmen, dass er persönlich dieses Bauvorhaben befürwortet und die Stadt Rade-
berg dem Trend, Menschen mit Behinderungen in der Mitte unserer Gesellschaft zu integrieren und sie im vollen Umfang an dieser teilhaben zu lassen, absolut positiv gegenübersteht.
Text und Fotos: Red., Grafik: Architekten



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