"die Radeberger" Heimatzeitung - Archiv



Onlineausgabe vom 22. September 2011


Ein trauriges Fazit


Es war der Versuch zu erklären. Und es war der Versuch, den Einwohnern von Ullersdorf schlüssig darzulegen, wie es dazu gekommen war, dass sich die Mehrheit der Radeberger Stadträte am 29. Juni dafür entschieden hatten, per Beschluss den Grundschulstandort Ullers-
dorf ab dem Schuljahr 2013/ 2014 nach Großerkmannsdorf zu verlegen. Das Fazit dieser an-
fangs sachlich, später jedoch auch emotional geführten Diskussion, zu welcher Radebergs OB Lemm letzte Woche Dienstag in den Ullersdorfer Gasthof geladen hatte, lautet jedoch: Ullers-
dorf wird gegen Radeberg klagen!
Rund 120 Bürgerinnen und Bürger waren zu der Diskus-
sionsrunde erschienen, wel-
cher neben OB Lemm und Ortsvorsteher Wieth auch die Fraktionsvorsitzenden der Ra-
deberger Stadträte und der Ortsvorsteher von Großerk-
mannsdorf, Harry Hauck, beiwohnten.
Zur Erinnerung:
Bereits am 9.12. letzten Jah-
res wurde OB Lemm vom Mi-
nisterium zur Bildungsagentur vorgeladen. Während dieser Vorladung wurde vom SMK die sofortige Entscheidung zur Auslagerung der Grundschule Ullersdorf in das Schulgebäude Großerkmannsdorf gefordert, was zu diesem Zeitpunkt jedoch noch verhindert werden konnte. Bereits damals wurde seitens der Stadt Radeberg (OB Lemm) davor gewarnt, dieses Thema zu einer Stadtratsvorlage zu machen, weil damit der Grund-
schulstandort Ullersdorf, entgegen den Vorstellungen der Stadtverwaltung, zur Disposition gestellt werde. Was nun folgte waren zwei Beschlüsse des Ullersdorfer Ortschaftsrates, in denen zum einen die Beantragung von Fördermitteln für einen notwendigen Turnhallenneubau in Ullersdorf, zum anderen die Bestätigung einer 20-jährigen Zweckbindung der Grundschule gefordert wurde.
Rund 4 Wochen später landete dann ein Beschluss des Großerkmannsdorfer Ortschaftsrates im Rathaus, in welchem die Verlagerung des Grundschulstandortes Ullersdorf nach Großerk-
mannsdorf beantragt wurde.
Der Hintergrund:
Großerkmannsdorf hat bereits eine Schule, welche im Gegensatz zur GS Ullersdorf über ausrei-
chend Kapazitäten für alle Schüler aus dem Einzugsgebiet Großerkmannsdorf/Ullersdorf ver-
fügt. Es existieren zudem noch eine Sporthalle und Außensportanlagen. Investitionen wie sie in Ullersdorf, je nach Variante zwischen 3,2 und 4,1 Millionen Euro notwendig wären, würden somit entfallen.
Der Fall, vor welchen OB Lemm im Vorfeld gewarnt hatte, nämlich diese Thematik zu einer Stadtratsvorlage zu machen, war nunmehr aufgrund der Anträge von Ullersdorf und Großerk-
mannsdorf nicht mehr zu umgehen. Zu beachten gilt an dieser Stelle, dass das Kultusministe-
rium im Falle einer erzwungenen Entscheidung im Stadtrat nur eine Grundschule im Einzugs-
gebiet Großerkmannsdorf/Ullersdorf duldet.
Verständlich ist demnach die Entscheidung der Stadträte, aufgrund vorstehender Tatsachen den Grundschulstandort Ullersdorf nach Großerkmannsdorf zu verlegen. Traurig ist hingegen, dass eigentlich der Status Quo, die Ausnahmegenehmigung beide Schulen bis 2015 zu unter-
halten, mit dem Vorzeitigen erzwingen einer Entscheidung im Stadtrat verspielt wurde. Es wären noch rund 3 bis 4 Jahre Zeit gewesen, um eine Lösung für den Erhalt beider Standorte zu finden.

Doch so nüchtern wie die Fakten bis hierher sind, so nüchtern sieht man die Schließung der Grundschule Ullersdorf in dem Radeberger Ortsteil verständlicherweise nicht. Dies wurde auch auf der Einwoh-
nerversammlung deutlich. Denn für die Ullersdorfer ist das Gebäude an der Dorfstraße 2 mehr als nur eine Schule. Hier ist der Mittelpunkt des sozialen Geschehens. Denn Ullersdorf hat weder eine eigene Kirche noch zahlreiche Einkaufsmöglichkeiten. Auch ist die Schule für Ullersdorf ein wichtiger Standortfaktor. Nicht zuletzt fragen junge Familien, welche sich in dem Radeberger Ortsteil niederlassen wol-
len, nach, wo ihre Kinder beschult werden. Bis jetzt konnte man auf diese Frage immer antworten: Hier in Ullersdorf. Es stellt sich also auch die Frage, ob auf lange Sicht hier ein strukturelles Problem entsteht. Sicher ist, dass der Beschluss, welchen die Räte der Stadt Radeberg zu fassen hatten, jungen Familien mit Kindern in Ullersdorf nur schwer zu erklären ist.

Doch sollte man sich auch noch eine andere Tatsache vor Augen führen. Selbst wenn die Stadt Radeberg sich für den Standort Ullersdorf entschieden hätte, dann würden die gleichen Streit-
gespräche jetzt mit Großerkmannsdorfer Eltern geführt und es wären die Großerkmannsdorfer Eltern, welche sich um ihre Kinder sorgen würden. Letztendlich werden nun die Richter ent-
scheiden, ob der Stadtratsbeschluss Bestand hat oder ob diese Thematik wieder aufgerollt werden muss.
Text und Fotos: Red.


Gelebter Geschichtsunterricht


Opfer des NS-Regimes besuchen als Zeitzeugen Pestalozzi-Mittelschule


Auch in diesem Schuljahr besuchten wieder Zeitzeugen des NS-Regimes sächsische Schulen. An insgesamt 15 Schulen hielten die drei Frauen und vier Männer ihre Vorträge, in denen sie Erfahrungen und Erlebnisse schildern, die sie während der Zeit des Nationalsozialismus erdul-
den mussten. 90 Minuten lang berichteten sie den Schülern der 9. Klassen der „Pesta“ über
ihr Leben und Überleben während des wohl dunkelsten Kapitels der deutschen Geschichte. Es waren persönliche Geschichten und Tragödien, die in einem unfassbaren Ausmaß über Diskri-
minierung, Vertreibung, Verfolgung, Hunger und Tod berichteten. Und nicht nur den Schülern stand während dieser eineinhalb Stunden lebendigen Unterrichtes die Fassungslosigkeit über die Reichweite, den Umfang und die Unmenschlichkeit des Holocaust ins Gesicht geschrieben. Es ist durchaus ein Unterschied, ob man in einem Geschichtsbuch ein Bild betrachtet und Texte studiert oder ob das geschriebene Wort mit einem Mal Realität wird, die grauen Bilder der Vergangenheit plötzlich Farbe bekommen und ein Zeitzeuge, zum Greifen nahe, über seinen Leidensweg während des Hitlerfaschismus und des Nationalsozialismus persönlich berichtet.
Nachfolgend haben wir die Gedanken und Eindrücke, welche einige Schülerinnen und Schüler zu diesem Thema bzw. zu diesem Geschichtsunterricht der besonderen Art niederschrieben, abgedruckt:

Geschichtsunterricht mal anders


Verfasser: Denise Lippoldt
und Toni Tetzelt

Im Rahmen des Geschichtsunter-
richts hatten die neunten Klassen der MS Johann-Heinrich Pestalozzi am 15.09.11 das „Zeitzeugenpro-
jekt“. Innerhalb der zwei Unter-
richtsstunden erzählten Blanka Pud-
ler und Karol Gdanietz ihre Lebens-
geschichte als Überlebende in der Hitlerzeit. Karol Gdanietz berichtete, wie er als 15-jähriger Junge am
4. Juni 1940 von der SS verhaftet wurde. Nach der Verhaftung wurde er in ein Arbeitslager bei Danzig gebracht. Danach wurde er nach Sachsenhausen in ein KZ versetzt. Er erzählte von der Grausamkeit der SS und seinem damaligen Alltag. Dabei fiel be-
sonders der schlechte Umgang mit den Häftlingen auf. Sie wurden geschlagen, getreten, aßen Baumrinde aus Hungersnot und mussten sich die Hände mit kaltem Wasser und Ziegelsteinen waschen.
Nach diesem interessanten Bericht aßen die Klassensprecher der neunten Klasse mit den Zeit-
zeugen gemeinsam Mittag. Anschließend diskutierten wir über die heutige „Nazi-Szene“. Dabei kamen wir auf die Idee, das „Zeitzeugenprojekt“ auch für Eltern oder Erwachsene anzubieten.
Das Projekt wurde mit folgenden Worten von Karol Gdanietz abgeschlossen: „Jeder Mensch ist gleich, egal welcher Religion er angehört oder welchem Land er entstammt.“
Diesen Worten möchten wir uns unbedingt anschließen.

Grauen und Leid eines Überlebenden


Von Lisa Hoffmann und David Schulz
Am 15. September hatten die Schüler der 9. Klasse der Pestalozzi-Schule Radeberg einen Ge-
schichtsunterricht anderer Art. Karol Gdanietz, ein Zeitzeuge aus der NS-Zeit, erzählte seine berührende Geschichte von damals. Er berichtete uns, wie er mit 141/2 Jahren die Schule ab-
brechen musste, weil Deutsche nach Polen gekommen waren. Zu dieser Zeit hatte er sechs Klassen Volksschule und drei Klassen Gymnasium beendet. Danach schloss er sich mit seinen Freunden zusammen und wurde später von einem Gestapo Geheimagent verhaftet, mit gera-
de mal 151/2 Jahren. Sie bekamen von der Polizei Tritte und Schläge und wurden noch am selben Tag in ein KZ bei Danzig, später in das KZ Sachsenhausen gebracht. Im KZ Sachsen-
hausen war er fünf Jahre lang, in diesen fünf Jahren erlebte Karol Gdanietz Leid, Hunger und Verzweiflung der Menschen. Er sah, wie Menschen vor Hunger starben oder erschossen wur-
den. „Bei den SS-Leuten war ein Menschenleben nichts wert“, sagte er uns.
Heute hat er 3 Kinder, 9 Enkel und 10 Urenkel. Nach der Aussage von Karol Gdanietz ist jeder Mensch gleich, egal ob Russen, Tschechen, Franzosen oder Deutsche, jeder hat ein Recht zu leben. Auch das ist unser aller Meinung.
Text und Foto: Red.


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